Hommage an Pankow
Die Musik von Pankow hat mich seit inzwischen über 40 Jahren begleitet; mal mehr und mal weniger intensiv. Diese Begleitung hat mit Veronika Fischer begonnen, genau mit 4 PS. Ebenso kannte ich die Gaukler-Rockband, deren Song Bootsfahrt mit dem Refrain:
"Wie weit die Kiste schwimmt
und welchen Kurs sie nimmt
geht mich nichts an, ich bin ein Mann
der sich noch treiben lassen kann."
ich noch gut im Ohr habe.
Die rotzige Art zu singen von Andre´ Herzberg hat mir damals schon gefallen. Während meiner Armeezeit (ab November 1981) habe ich Pankow oft im Radio gehört. Werkstattleben das ist hektisch, Das Lied von der Sehnsucht (rosa Muscheln, hihi), Die wundersame Geschichte von Gabi sind Songs, die kann ich im Schlaf singen. Gefallen an den Songs hat mir immer der Rhythmus, der die Stones durchschimmern lässt.
1982 während eines Armee-Urlaubs habe ich die Band im Kino International gesehen. Toll! Cooler Sound, wippen, schwingen, Riffs, gepaart mit Ironie und klaren Ansagen in den Texten (Inge Pawelczik). Später, auf einer Party, habe ich von dem Konzert im International berichtet und war sehr glücklich, dabei gewesen zu sein. Jemand anders sagte, er war bei Herrmann van Veen, der wäre viel besser, mir unverständlich.
Im September 1983 habe ich in Weimar mit dem Studium begonnen. Dort habe ich Pankow zweimal live gesehen. Einmal in einem Kino. Jürgen Ehle zeigte dort stolz seinen Sender, den er am Rücken drapiert hat, und konnte damit spielend im Kino durch die Gänge laufen. In den ersten Reihen saßen Weimarer Punks. Als die aufgestanden sind und geklatscht und etwas gegrölt haben, hat André Herzberg in seiner (in meiner Wahrnehmung) Berliner arroganten Art gesagt, manno, hier is ja echt wattlos bei euch.
Ich fand schon immer (aus heutiger Sicht), dass die einzigen lässigen Typen in der DDR aus Berlin kamen. Alle anderen waren irgendwie kleinkariert. Zu Ostzeiten bin ich ein paarmal durch Rumänien getrampt, bis nach Bulgarien, da hatte ich oft Kontakt zu anderen aus dem Osten, die waren immer sehr genau und irgendwie kleinlich und nicht lässig. Andrés Stil, diese Berliner Arroganz vor sich her zu schieben, fand ich gut.
Dann kam die Single „Wetten du willst“. Der Hammer. Die Gitarre hat mich an Keith erinnert, vom Sound an Let It Bleed. Das Schlagzeug von Frank Hille traf in den Bauch. In meiner Studiengruppe haben wir den Song zu Himmelfahrt (´85, oder `86, ich weiß es nicht mehr) gesungen. Total betrunken sind wir in der Nacht durch die Stadt ins Wohnheim zurück. Mit der Gitarre bin ich an mehreren Haus- ecken hängen geblieben, sie hat es überlebt (ich habe sie heute noch).
Die LP „Keine Stars“ habe ich mir gekauft. Der Sound war sehr gut, jedoch mit Stefan Dohanetz mehr straight, mehr geradeaus. Frank hatte mehr die Wechsel und die 32stel passend zu den Riffs drauf, so wie beim Lied von der Sehnsucht. Ich glaube, die Tour zu „Keine Stars“ war das zweite Konzert in Weimar, bei dem ich dabei war, jetzt in der Schwanensee-Halle, eine größere Halle. Bei der Vorband stand Jürgen Ehle im Saal an einer Säule und hat der Musik gelauscht. Ich ging auf ihn zu, wir haben uns über die Rolling Stones unterhalten. Die Lockerheit der
Songs im Konzert später war toll. Einer meiner Kumpels sagte, auf der ersten Platte „Kille Kille“ kommt die Lockerheit noch besser ´rüber. Zum Glück gab es die Platte noch in Weimar, ich konnte sie mir kaufen.
Im Sommer 1988 musste ich dann in Berlin mit der Arbeit anfangen. Ich hatte in der Samariterstraße im Friedrichshain meine erste Wohnung, mit Plattenspieler. Dann kam „Aufruhr in den Augen“. Ein anderer Stil, mit Bläsern, komplexer, im Titelsong mit Heiner Witte, die Ansagen klarer (aus'm Westen haste nix). Bei Langeweile war ich sprachlos: „zu lange die alten Männer verehrt“. Wie ist das durchgegangen? Zusammen mit der Silly-Scheibe „Februar“ der Sound des Endes der DDR.
Im Haus der Jungen Talente habe ich Pankow im Januar 1990 gesehen (genau weiß ich den Zeitpunkt nicht mehr). Bei „Langeweile“ sagte André Herzberg, Langeweile haben wir gerade nicht. Der Saal war eher halbvoll, inzwischen gab es mehr zu hören in Berlin. Nach 1990 wurde es dann leise um die Band, würde ich sagen.
Die Platten habe ich alle behalten. Heute höre ich sie anders, wobei sie immer noch sehr gut sind, es gibt immer etwas Neues zu entdecken beim Hören. Die sprachlichen Bilder gefallen mir unverändert sehr gut, sie sind Teil meiner Jugend, aus heutiger Sicht.
2011 bin ich in den Prenzlauer Berg gezogen, in die Choriner Straße. Einer meiner besten Freunde hat mir zum Geburtstag „Neuer Tag in Pankow“ geschenkt. Die Platte hat mich sehr berührt. Im Titelsong wird dezent zurück geblickt und ein Bekenntnis geäußert: Trotz aller Veränderungen (die Gentrifizierung ist nicht zu übersehen) ist André Herzberg „ganz gern“ dort. Im Song „Schneller gehen“ kommt der Hang zur Ironie und Arroganz durch, die gewisse Rotzigkeit der 80er ist wieder da. Auch der Rhythmus im Song, das Federnde, erinnert an alte Zeiten, jetzt gepaart mit etwas Lakonie und einer Spur altersgerechter Müdigkeit, aber nur sehr dezent!
Voriges Jahr war ich im mit vielen anderen Gleichaltrigen im Kesselhaus. Toll! Vertraut und volkstümlich- für eine bestimmte Altersgruppe. Auch wenn jetzt mit der Band Schluss ist, die Songs bleiben lebendig. Das muss die
Zeit zeigen! Für mich bleiben sie auf jeden Fall grandios und zeitlos. Wobei das nicht ganz stimmt. Sie spiegeln den Zeitgeist wider und stehen aus heutiger Sicht für das Nicht-Angepasste, für Können, Spaß, Frechheit und auch Mut.
G.