Aufschrei gegen die Tristesse
Den real existierenden Sozialismus gab es noch und die grauen Fassaden der Plattenbauten prägten das Bild meines Wohnumfelds. Es gab zu dieser Zeit einige Bands, die für uns Jugendliche eine Art Fluchtweg waren. Eine davon war PANKOW.
Ich war 16 oder 17, trug eine ausgewaschene Levis - Jeans aus dem Intershop und hörte heimlich Westradio. Doch an diesem Abend zu jener Zeit sollte es keine Westmusik sein, die meine Welt auf den Kopf stellte. PANKOW spielte, die Band, deren Lieder so eigenwillig und manchmal so kritisch waren, dass sie nicht immer im Radio liefen. Ihre Musik war anders, sperrig, voller Energie und einer Art rauer Poesie, die direkt ins Herz traf.
Ich stand, umgeben von Gleichgesinnten, die alle auf diesen Moment warteten. Das Licht dimmte sich, und dann, mit einem donnernden Rhythmus, der durch den ganzen Körper fuhr, begannen sie zu spielen. "Langeweile" war der erste Song. Die prägnanten Gitarrenriffs, der treibende Bass und die unverkennbare Stimme von André Herzberg füllten den Raum. Es war keine glattpolierte Popmusik, sondern roh, ehrlich und voller einer kaum zu bändigenden Energie. Jeder Ton war wie ein Aufschrei gegen die Enge und die Tristesse des Alltags.
Ich schloss die Augen und ließ mich von der Musik davontragen. Es war, als ob Pankow genau das ausdrückte, was wir alle fühlten, aber nicht aussprechen durften. Die Sehnsucht nach Freiheit, nach Farbe in einer grauen Welt, nach einer Zukunft, die mehr war als nur der vorgezeichnete Weg. Als sie "Rock'n'Roll im Radio" spielten, da wussten wir: Das hier war unser Soundtrack. Es war der Moment, indem wir uns verstanden fühlten, in dem wir uns nicht allein fühlten mit unseren Gedanken und unserer leisen Rebellion.
Nach dem Konzert war ich wie elektrisiert. Die Musik hatte etwas in mir ausgelöst, das über das bloße Hören hinausging. Sie hatte mir das Gefühl gegeben, Teil von etwas Größerem zu sein, einer Gemeinschaft, die sich nicht verbiegen lassen wollte. Auf dem Heimweg, die Herbstluft war inzwischen klirrend kalt geworden, summte ich die Melodien vor mich hin.
Die Songs von Pankow waren für mich nicht nur Lieder, sie waren eine Bestätigung, ein Ventil und ein Versprechen: Es gab eine Welt jenseits der Mauern, und die Musik war der Schlüssel dazu. Dieser Auftritt, die Begegnung mit der Musik von Pankow, hat mich nachhaltig geprägt. Sie war mehr als nur ein Konzert; sie war ein Moment der Erkenntnis, eine Flucht aus dem Alltag und ein Bekenntnis zu einer anderen Art von Leben. Und bis heute, wenn ich die alten Platten von Pankow auflege, fühle ich mich zurückversetzt in diese Zeit, in der die Musik uns die Freiheit gab, die wir uns so sehr wünschten.
O.